Wolf-Dieter Narr ist verstorben

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Foto: © 2012 by Schattenblick

Der Politikwissenschaftler und Aktivist Wolf-Dieter Narr

starb am 12. Oktober im Alter von 82 Jahren in Berlin.

Bis zu seinem Tod blieb Wolf-Dieter Narr in der außerparlamentarischen Linken aktiv. Er war unser Weggefährte und solidarischer Kritiker.

Er stand vor den Polizeiketten in Wackersdorf und in Brockdorf und bei Stuttgart 21. Er besuchte Menschen im Knast. Er initiierte die unabhängige Demonstrationsbeobachtung, gründete mit anderen das Komitee für Grundrechte und Demokratie, rief während des Jugoslawienkrieges auf zur Fahnenflucht: Aufruf zur Fahnenflucht: Verurteilt und gepriesen und setzte sich ein für Geflüchtete. Er trat vehement ein für die Rechte und die Würde von Weggesperrten wie Gefangenen oder unter die Räder der Psychiatrie Geratenen. Er war ein aufmerksamer Beobachter und Kritiker der Entwicklung der „Inneren Sicherheit“: Hat der Rechtsstaat immer Recht?

Er hat zahlreiche Schriften, Gutachten und Bücher verfasst, in denen er sich unter anderem mit Fragen der politischen Theorie, mit der Kritik globalisierter Ökonomie, der Kritik von Polizei und Geheimdiensten, der Kritik von Überwachung, sowie mit Sozial- und Migrationspolitik beschäftigte. Alle seine Schriften werden gesammelt und zugänglich gemacht auf der Seite https://wolfdieternarr.de/

Auch in der RHZ erschienen Artikel von ihm: Der Entwurf des neuen bayerischen Versammlungsgesetzes. Eine arglistige Täuschung durch CSU und bayerische Staatsregierung und Gewaltbereite Politik und der G8-Gipfel, beide online zu finden unter

1. http://www.grundrechtekomitee.de/node/62

und 2.: http://www.grundrechtekomitee.de/node/110

In einem langen Interview beschreibt Wolf Dieter Narr seinen Lebensweg und seine politische Haltung: 1. Teil: “Menschenrechtliche Arbeit, die nicht in der Luft schwebt”, 2. „Die anarchistische Konzeption nimmt das Gegenüber ernst“ und 3. „Wir bekämpfen das System in der Art wie wir sind“

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Foto: © 2012 by Schattenblick

„Die Politiker tun nur das, was ohnehin geschieht, etwa dem Weltmarkt den Weg zu bereiten.“ „Wo sie politisch sein sollten, das hieße mit den Bürgern zu kommunizieren, zu entscheiden, aber auch die Kosten offen zu legen, da verbergen sie sich hinter der Polizei.“ sagt er 2001 in einem Interview mit dem Freitag.

 

Sein politisches Interesse war geweckt worden durch die Auseinandersetzung, auch in der eigenen Familie, mit dem Nationalsozialismus, den er als Kind noch erlebte. Politisch sozialisierte er sich im Studentenkongress gegen Atomrüstung sowie im Sozialistischen Büro. Das "SB" war ein kampagnenstarkes Sammelbecken undogmatischer Linker.

1969 trat er aus Protest gegen die Große Koalition aus der SPD aus. 1971 gründete er mit anderen das Iran-Komitee, 1978 beteiligte er sich an der Jury des Russell Tribunal über die Bespitzelung und Repression in der BRD bzw. zu den Berufsverboten in der BRD.

Auch er selbst war von der Berufsverbotspraxis betroffen: nachdem er auf der Berufungsliste für die TH Hannover stand wurde seine Akte angefordert, in der ein Sammelsurium von Dokumenten wie Resolutionen, die Narr seit 1972 mitunterzeichnet hatte (unter anderem das Flugblatt zu einer Vietnam-Demonstration; den Aufruf zu einer Veranstaltung, auf der über die Isolierhaft politisch motivierter Gefangener debattiert werden sollte; den Protest gegen ein Verbot des KSV, des Hochschulverbandes der KPD); und einige seiner Artikel zu finden waren - sieben Schriftstücke insgesamt und dazu einige verdächtigende Behauptungen. Fazit: seine Berufung wurde abgelehnt. 

In dieser Zeit gründete Wolf-Dieter Narr an der Freien Universität die Forschungsstelle „Polizeiprojekt“, wobei keine isolierte Wissenschaft betrieben, sondern die Verknüpfung mit den sozialen Bewegungen gesucht werden sollte. So wurde 1978 das Institutes für Bürgerrechte & öffentliche Sicherheit gegründet. Die aus diesem Zusammenhang erwachsene Zeitschrift „Bürgerrechte & Polizei“ (CILIP) veröffentlicht seit 1978 regelmäßig Berichte und Analysen zu den Themen Polizei und Geheimdienste, der Politik „Innerer Sicherheit“, etc.. Hier seine in dieser Zeitschrift veröffentlichten Artikel: https://www.cilip.de/author/wolfdieter/

1980 hat er das Komitee für Grundrechte und Demokratie mitgegründet, dessen Sprecher er zeitweise war.

Viele weitere Initiativen sind von ihm mit ausgegangen, wie der Volkszählungsboykott 1987, (siehe auch den Tagesspsiegel: Das Volk zählt nicht),  der Protest und die Blockade des Bundestags gegen die Asylgrundrechtsdemontage im Jahre 1993,  der Versuch, 1994 eine Abschiebehaftanstalt in Worms zu entzäunen, oder 2005 das Abschiebelager in Bramsche/Hesepe einer öffentlichen Inspektion zu unterziehen.

Ferner geht die bis heute existierende Demonstrationsbeobachtung um die Deutungshoheit über Vorfälle auf Demonstrationen und Kundgebungen nicht der Polizei und den meist von dieser bestimmten Medienberichterstattung zu überlassen, auf seine Anregung zurück. Er selbst war als Demonstrationsbeobachter u.a. 2007 in Heiligendamm und 2013 bei den Blockupy-Aktionen in Frankfurt/M. unterwegs.

narr 2Auch er selbst erlebte Polizeigewalt und vor Gericht lügende Beamte. 2001 soll er nach einer Spontandemonstration, die gegen das Verbot der 1. Mai Demo in Berlin organisiert worden war, Beleidigungen von sich gegeben und wild um sich geschlagen haben, wie ein Beamter behauptete. Offensichtlich eine der üblichen Behauptungen, um die rüde Behandlung bei der Ingewahrsamnahme zu rechtfertigen. Es lag jedoch ein Video vor, auf dem Nichts davon zu sehen war. Zwar wurde Wolf-Dieter Narr freigesprochen, der lügende Polizist jedoch ebenfalls.

Im Universitätsbetrieb war Wolf-Dieter Narr ebenfalls engagiert. 1985 verzichtete er gemeinsam mit Peter Grottian auf ein Drittel des Gehalts seiner Professur, um damit eine Professur für Frauenforschung zu ermöglichen.

1998 war er Mitorganisator des Foucault-Tribunals zur Lage der Psychiatrie, ein Thema, welches ihn lange schon beschäftigte. Ein Artikel zur Psychiatriekritik aus dem Jahr 2004: Schrei, wenn du kannst, auch ohne Echo.

Im Namen des Komitees für Grundrechte und Demokratie beobachtete er zahlreiche Prozesse, u, a, gegen Gabriele Kanze, der in Spanien Unterstützung der ETA vorgeworfen wurde, den Prozess um den Tod von Oury Jallohoder gegen Lothar König

narr rad krEin guter Anfang, sich mit seinem Denken und Handeln zu beschäftigen bietet ein Buch mit ausgewählten Schriften Wolf Dieter Narrs:

"Wolf-Dieter Narr war lange Zeit Sprecher des Komitees für Grundrechte und Demokratie. Dessen Aktivitäten in Bereichen wie der Demonstrationsbeobachtung, der Arbeit zu Asyl und Flucht oder der Kritik des Haftsystems hat er wesentlich geprägt. Das Komitee nimmt seinen 80. Geburtstag zum Anlass, um eine Auswahl seiner älteren und jüngeren Texte – vorgestellt und kommentiert von MitstreiterInnen – neu herauszugeben und für eine zeitgemäße Herrschaftskritik und emanzipatorische politische Praxis zugänglich zu machen."

Wolf-Dieter Narr
Radikale Kritik und emanzipatorische Praxis. Ausgewählte Schriften                                                                       
kommentiert von Wegbegleiter*innen
Herausgegeben vom Komitee für Grundrechte und Demokratie
ISBN: 978-3-89691-298-5
218 Seiten

Hier eine Rezension des Buches...

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Foto: © 2012 by Schattenblick

Die gekennzeichneten Fotos von Wolf Dieter Narr sind uns freundlicherweise vom Schattenblick zur Verfügung gestellt worden. (Foto: © 2012 by Schattenblick) - www.schattenblick.de

Sie stammen aus einem Interview mit diesem online-magazin vom 18. April 2012 in Berlin:

"Der Mensch als Objekt medizinalindustrieller Interessen"